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Spiritualität und spirituell zu leben lässt sich ausgehend von einem grundlegenden menschlichen Entwicklungskonzept her verstehen und erläutern. Ganz grob und die Realität sicherlich vereinfachend, lassen sich zwei Entwicklungsphasen und Lebensrichtungen bzw. Lebensphilosophien unterscheiden. C.G. Jung nannte sie Ich-Werdung und Selbst-Werdung. Es gibt auch andere Bezeichnungen dafür, denn dieser Unterteilung liegt das fundamentale menschliche Entwicklungsprinzip zugrunde, das viele Weise und spirituelle Lehrer schon lange vor Jung gelehrt haben. Man könnte z.B. auch von Abstieg und Aufstieg, Involution und Evolution, Verwicklung und Entwicklung sowie von Verkörperung und Vergeistigung sprechen. Spiritualität findet im jeweils letztgenannten statt, allerdings gibt es wichtige Zusammenhänge zur vorausgehenden Ich-Phase, ohne die man nicht spirituell werden kann. Spirituell leben heißt auch nicht, unentwegt zu meditieren und religiöse oder Eso-Bücher zu verschlingen. Dazu später mehr.

In der Ich-Werdung baut der Mensch eine Ich-Identität und Persönlichkeit auf, Spiritualität spielt im Allgemeinen keine Rolle. Er nimmt soziale Rollen an und entdeckt seine individuellen Eigenschaften und Interessen, die ihn von anderen unterscheiden. Er entwickelt klare Vorstellungen vom Leben und sich selbst. Der Ich-Werdungsmensch entdeckt aber nicht nur seine individuellen Wünsche, körperlichen und emotionalen Bedürfnisse und Interessen, er versucht sie auch aktiv im Leben zu verwirklichen. Er geht wie die Märchenhelden hinaus in die Welt, um sich dort das "Seine" zu erobern. Der Ich-Mensch sucht, findet und verwirklicht seinen Platz im Leben und in der Gesellschaft, mehr oder weniger erfolgreich. Wie gut ihm das gelingt, ist für unsere Betrachtung nicht so wichtig. Entscheidend ist die persönliche Ausrichtung und die ist nicht spirituell, sondern ich-betont, denn spirituell leben fördert das Ich grundsätzlich nicht. Eine solche Ich-Phase muss nicht zwingend egoistisch-aggressiv sein, auch der Wunsch z.B. die Rolle einer Familienmutter einzunehmen, kann Teil dieser Ich-Werdungsphase sein.

Stellen Sie sich als Beispiel einen 40- oder 50-jährigen Mann vor. Auf die Frage, wer er denn sei, könnte er wie folgt antworten: "Ich bin Lehrer und Familienvater. Ich bin wie mein Vater Lehrer geworden und das verbindet uns stark. Der Beruf gibt mir die Möglichkeit, Wissen zu vermitteln und das ist es, was ich will. Ich bin in einer armen Familie aufgewachsen und genieße jetzt gemeinsam mit meiner Frau das nicht luxuriöse aber doch materiell sorgenfreie Leben. Nach zwei Scheidungen habe ich erkannt, dass die falsche Einstellung zum Geld die Liebe zerstören kann. Die Vaterrolle habe ich nur zögerlich, aber mit zunehmender Freude angenommen. Für Religion und Spiritualität habe ich nicht allzu viel übrig, ich glaube, jeder ist seines eigenen Glückes Schmied. Meine Schwächen für Reisen und Wildtiere befriedige ich mit jährlichen Urlaubssafaries in Afrika, meist ohne Familie."
Dieser Mann weiß, wer er ist, hat eine Rolle in der Gesellschaft gefunden und hat einige seiner Ich-Wünsche erfüllt. Seine Ich-Werdung ist also erfolgt. Spiritualität oder ähnliche Themen waren bislang uninteressant, er würde sich sicher nicht als spirituell bezeichnen.

Nach der Ich-Werdung kommt nun die Phase der Selbst-Werdung, die Spiritualität in das Leben einfließen lässt und eine stärker spirituelle Lebensausrichtung mit sich bringt.
Die üblichen Werte wie Karriere, Geld, ein möglichst befriedigendes Sexualleben, harmonische Familie, Akzeptanz im Freundeskreis usw. verlieren für unseren Mann an Bedeutung. Es beginnt eine unruhige, nachdenkliche Suche nach etwas Anderem, einen höheren Lebenssinn, etwas, das über das normale und übliche Leben hinaus geht. Das bisherige Leben wird in Frage gestellt und die Interessen verschieben sich zu Gunsten von Themen, die i.w.S. spirituell, esoterisch, religiös, philosophisch oder evtl. auch psychologisch sind.

Ausgelöst z.B. durch den Tod des Vaters und einer depressiven Phase könnte sich das Leben unseres Beispielsmannes wie folgt ändern. Er eignet sich kein konventionelles Wissen mehr an, wie bisher als intellektueller Lehrer. Er liest nun gelegentlich Bücher über Philosophie, Esoterik und Spiritualität. Eigentlich nicht religiös oder spirituell veranlagt, fragt er sich jetzt, ob und welche Art von Gott es gibt. Wann ist Religion spirituell, was genau macht sie spirituell und wie hat ihn das Christentum geprägt? Wie wurde er psychologisch geprägt durch seine Eltern, war das alles Schicksal? Gibt es Reinkarnation? Seine Freunde trifft er nur noch selten und seine Hobbies gibt er weitgehend auf. Er reist zwar noch, aber nun, um fremde Kulturen und deren Lebensphilosophie zu verstehen. Welche Arten von Liebe – karmische, spirituelle Liebe usw. – gibt es und welche verbindet ihn mit seiner Frau? Gibt es ein Leben nach dem Tod, wo ist sein Vater jetzt? All diese Fragen und Themen beschäftigen ihn jetzt und sie alle münden in Spiritualität. Jetzt beginnt er, spirituell leben zu wollen.

Quelle: http://www.der-weg-nach-hause.de