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Christliche Mystik: Tief und unergründlich

In unserem tiefsten Innern, da will Gott bei uns sein. Wenn er uns nur daheim findet und die Seele nicht ausgegangen ist mit den fünf Sinnen (Meister Eckhart).
Mystik beginnt mit einem Absperren der Sinne und Wahrnehmungen, mit „myein“ (die Augen schließen, nach innen schauen) und Schweigen. Das Schweigen ist geradezu eine Voraussetzung, um dem Unermesslichen, Unerschöpflichen zu begegnen. Erst wenn die Sinne zur Ruhe kommen, die Hektik abgelegt wird, die Ruhe uns ergreift, kann sich ein Geheimnis ereignen. Erst wenn die Sinne sich nicht mehr nach außen, sondern nach innen zu richten beginnen, kann die andere Wirklichkeit ein Gesicht bekommen.
Die Stille ist notwendig, damit Gott sprechen kann. Seine Sprache bedient sich der Stille und des Schweigens, das wir ihm bereiten wie ein Resonanzboden. Tschuang Tse hat dafür das schöne Bild des Wassers geprägt: Die Konturen der Welt sehen wir nicht im fließenden sondern im stillen Wasser. Es ist tief und unergründlich. Es birgt das Geheimnis.
Durch Schweigen können wir das Geheimnis entbinden und es erkennen. Worte zerstören die Ruhe, die notwendig ist, um sich dem Geheimnisvollen nähern zu können. Dem Schweigen gegenüber ist Reden oft nur eine Flucht vor dem Göttlichen, das sich in unserem Schweigen zu erkennen geben will. Wo wir still werden und uns der Ruhe öffnen, spricht die Stimme in uns. Gott eine Stimme zu geben heißt, ihn mit dem Schweigen willkommen zu heißen. Denn wir können vielleicht vieles bezeichnen und benennen, aber erfassen können wir es nur mit der Sprache, die Gott selbst in uns sprechen will (Johannes Thiele).
In der Frühe, als es noch völlig dunkel war, stand Jesus auf und ging hinaus an einen einsamen Ort und betete (Markus 1,35).
In diesen Tagen ging er hinaus auf den Berg und Jesus durchwachte die Nacht im Gebete mit Gott (Lukas 6,12).
Man muss dem Inneren die entspannte Ruhe zugestehen, auch wenn wir überzeugt sind die Zeit im Nichtstun zu verlieren. Lassen wir das Innere frei von Wahrnehmungen und Gedanken, Meditationen und Erwägungen und geben wir uns ausschließlich hin an ein liebevolles und friedvolles Innewerden Gottes
(Johannes von Kreuz).
In der Liebe zu bleiben bedeutet Einlass zu finden in den Bezirk, wo alle Dinge eins sind ( Meister Eckhart).
(Zitate aus den Perlen der Mystik, ausgewählt von Joh. Thiele und aus dem NT).
Paul Gratzl

Christliche Mystik: Christus liebt mich

Im Christentum bezieht sich Mystik (mystikos = verborgen) auf das Geheimnis der liebevollen Beziehung zwischen Gott und uns und zwischen Gott und der Natur. Diese Beziehung ist in Christus erschienen. Mystik macht dieses Geheimnis zugänglich. Der meditierende Christ, die meditierende Christin findet das zuerst in der Bibel. Das erste Testament (AT) führt zum Neuen Testament und in dessen Mitte steht Christus. Sein Werk wird uns im Hl. Geist geschenkt. Dieser Geist macht uns als Kirche lebendig. In der Kirche aber lebt der "mystische Christus" in der "mystischen Speise", im "mystischen Gastmahl", in der "mystischen Natur" und in der Taufe als "mystische Wiedergeburt" im Namen der Dreifaltigkeit. Erst in diesem Zusammenhang ist christliche Meditation (=Kontemplation) möglich. In der Kontemplation der Bibel, der Natur und der Geheimnisse der Kirche geht es um die Begegnung mit Christus.

Die Gottesschau des Meister Eckhart

Es ist wie mit dem Auge. Das sehende Auge macht Platz für das Bild, das von außen kommt. Das Bild in meinem Auge und das Bild in der Wirklichkeit sind identisch. Es spiegelt sich das Bild, das in der Wirklichkeit vorkommt im Bild, das ich im Auge habe. Dieses Bild im Auge stiftet Einheit. Der Schauende und das Geschaute werden im Bild eins.
Eckart sieht das als Gleichnis für die Vereinigung mit Gott. Er meint: „Mein Auge und Gottes Auge, das ist ein Auge und ein Sehen und ein Erkennen und ein Lieben.“
Wenn Gott mich ansieht, gibt er mir das Sein, wenn ich Gott ansehe, empfange ich das Sein. Meister Eckhart meint: „Wenn Gott die Kreatur ansieht, dann gibt er ihr das Sein. Wenn die Kreatur Gott ansieht, empfängt sie damit ihr Sein.“
Für das Geschenk Gottes muss der Mensch ganz leer werden. Erst wenn er ganz leer wird, „empfängt er von Gott alles, was Gott hat“. Der Christ / die Christin betet: "Gott, mach mich leer, damit du Raum hast für das Geschenk, das du bist."
Einem Menschen, der nur Gott im Sinne hat, trägt Gott in allen seinen Tätigkeiten, an allen seinen Orten. Alle Dinge werden ihm lauter Gott. Der Mensch soll Gott in allen Dingen ergreifen. In der Natur sieht und spürt er Gott. Alle Dinge haben für die innerlichen Menschen eine inwendige göttliche Seinsweise.
Hannes Daxbacher
(Buchtipp: Mystik von Josef Sudbrack, Mainz, Stuttgart 1988)

Christliche Meditation

Die Ostkirche kennt die Übung des Jesus-Gebetes oder Herzens-Gebetes. Der unbekannte Verfasser des Buches "Aufrichtige Erzählungen eines russischen Pilgers" berichtet, wie der Starez, sein "Spiritual", ihm folgende Anleitung zur Meditation gibt:

"Setz dich still und einsam hin, neige den Kopf, schließe die Augen; atme recht leicht, blicke mit deiner Vorstellung in dein Herz, führe das Denken aus dem Kopf ins Herz. Beim Atmen sprich, leise die Lippen bewegend, oder nur im Geiste:
'Herr Jesus Christus, erbarme dich meiner.'
Gib dir Mühe, alle fremden Gedanken zu vertreiben. Sei nur still und habe Geduld. Wiederhole diese Beschäftigung recht oft. Da hast du einen Rosenkranz. Tue dies dreitausend oder zwölftausendmal am Tag." (Text gekürzt)
Der russische Pilger berichtet dann, wie es ihm leicht ums Herz wird, wie sich seine Beziehungen zu den Menschen nächstenliebend verändern. Es wurde ihm klar, was es mit dem wahren Gebet auf sich hat. Er erfährt den Heiligen Geist, der mit uns seufzt. Er weiß jetzt, was "Christus anziehen" und der Herzensseufzer "Abba! Vater!" bedeutet.
Mit dem Gebet "Herr Jesus Christus , erbarme dich meiner" pendelt er sein Wesen intensiv auf Jesus Christus ein. Es ist, wie wenn er die Fesseln seines Lebens lösen würde.

Es gibt andere mögliche christliche Mantras (Worte), die diese von Gott geschenkte Erlösung und Befreiung ausdrücken:
Abba, Vater!
Jesus Christus, komm zu mir!
Komm, heilige Geistin!
Schalom!
Heilige Maria, Mutter Gottes!
Komm, heiliger Geist!
Gott, hilf mir!

Im Christentum ist die Meditation nicht auf bestimmte Gebetszeiten beschränkt. Auch in der Arbeit und bei den täglichen Verrichtungen kann dieses Herzens-Gebet Platz haben.
Hannes Daxbacher