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„Iiiih, ein Kind!“ Fordernd, laut und anstrengend. Ist das wirklich die primäre Definition eines Kindes? Man könnte es als aufmerksamer Medienkonsument beinahe annehmen. Vielleicht gehören Songs wie der Grönemeyer-Hit „Kinder an die Macht“ wieder in die Chart-Listen, um die Menschen daran zu erinnern, wie wichtig unser Nachwuchs eigentlich ist.

„Kinder sollen in erster Linie funktionieren“ klagt der Wiener Kinderpsychiater Dr. Max Friedrich die Erwachsenen an. Der Vorstand der Universitätsklinik für Neuropsychiatrie des Kinder- und Jugendalters am AKH Wien hat mit seinen Büchern „Tatort Kinderseele“ und „Opfer der Rosenkriege“ Bestseller gelandet, ist außerdem Universitätsprofessor, Präsident der „Rote Nasen Clowndoctors“ – und Vater.

Nicht nur haben wir die Kinder „an ein falsches Schulsystem angepasst, anstatt das System zu stürzen“, meint der Arzt; ein Gutteil der schlimmen Situation sei auch den Eltern zuzuschreiben: „Es ist erschütternd, dass Eltern sich heute nur rund fünf Minuten täglich mit ihren Kindern beschäftigen“. Schon Michael Ende (sein Todestag jährt sich heuer zum zehnten Mal, Anm. d. Red.) thematisierte die Zeit in seinem bezaubernden Kinderbuch "Momo":
"Es gibt ein großes und doch ganz alltägliches Geheimnis. Alle Menschen haben daran teil, jeder kennt es, aber die wenigsten denken je darüber nach. Die meisten Leute nehmen es einfach so hin und wundern sich kein bisschen darüber. Dieses Geheimnis ist die Zeit ..." Zeit ist Geld – und beides kann man bekanntlich sparen. Wenn man allerdings zu viel Zeit spart, verliert man so einiges: die Fähigkeit zu leben, zu lieben und zu genießen.

Woran liegt das? Abgesehen vom Druck der Eltern und Lehrer im Berufsleben sollen Kinder heutzutage möglichst früh alles können. „Wir haben die Zeit übertaktet und nehmen uns auch keine Zeit mehr für die Kinder“ weiß der Psychiater aus seiner Berufserfahrung. Schuld daran sei vor allem das „brutale ökonomische System“. Der allgemeine Druck von außen, der auf die Erwachsenen wirkt, wird auf mehreren Ebenen an die Kinder weitergegeben. Mikrowellen-Essen, Suchtverhalten und Ersatzbefriedigung in Form von Spielen, Fernsehen oder Computer werden vorgelebt. Erziehung bedeutet unter anderem aber auch Lernen durch Imitieren. Wie attraktiv ist hingegen eine märchenhafte Fiction- oder Actionwelt, in die sich die Kinder stattdessen flüchten können, weil ihnen nichts anderes bleibt? „Kinder brauchen Ausdauer und Konsequenz in der Erziehung, optimale Zeit, Fürsorge und Wärme“ fordert der Arzt.

Kinder müssen ernst und "wahr" genommen werden

Immer mehr Kinder suchen bei ihren Ängsten und Problemen professionelle Hilfe - wie bei "147 Rat auf Draht", der österreichweiten Telefonhilfe für Kinder und Jugendliche. Täglich besprechen rund 600 Kinder ihre Sorgen mit den psychologisch geschulten Beratern. "Vor allem seit der 24-Stunden Erreichbarkeit und des Handy-Booms hat sich die Anzahl der Anrufe um ein Vielfaches erhöht. Rund 93 % aller Anrufe kommen über das Handy zu uns", so Michaela Cirka. Das Handy ist das erste persönliche Kommunikationsgerät eines Kindes und schafft eine gewisse Privatsphäre. Dadurch kann das Kind am Telefon Probleme mit Freunden oder Help-Hotlines wie "147 Rat auf Draht" besprechen, ohne dass die Eltern darüber Bescheid wissen. Es ist zu einer zentralen Hilfe für die Angstbewältigung geworden. "Die hohe Anzahl der Anrufe lässt darauf schließen, dass die zwischenmenschliche Kommunikation innerhalb der Familie oft nicht vorhanden ist, die Ängste der Kinder werden nicht ernst genommen und erkannt", zeigt sich Michaela Cirka besorgt. Die Probleme und Ängste der Kinder, die bei "147 Rat auf Draht" anrufen, betreffen hauptsächlich sehr persönliche Themen; Fragen zur Sexualität, sowie Streit in der Familie und in der Schule.

Die Förderung des kindlichen Selbstwertgefühls verringert Ängste

Was können Eltern tun, was Pädagogen? "Das Allerwichtigste ist, das Selbstwertgefühl der Kinder von Anfang an zu stärken", fordert Friedrich. Bei Problemen ist es wichtig, den Kindern wirklich zuzuhören und ihre Ängste ernst zu nehmen, ganz egal, wie kleinlich sie für den Erwachsenen wirken. Ein Kind muss das Gefühl haben, nicht alleine zu sein, gehört und umsorgt zu werden. "Sie müssen Ihrem Kind auch erlauben, Fehler zu machen. Ermöglichen Sie dem Kind ein positives Irrtumslernen. Und das wichtigste, auf das viele Eltern nicht achten: Kinder imitieren sehr schnell – deshalb sollten die Eltern ein Vorbild sein", rät der Experte.

Viele Pädagogen meinten, dass immer mehr Kinder mit ihren Ängsten zu ihnen kommen anstatt zu den Eltern. Die Familie wie es sie früher gab, existiert fast nicht mehr. Meistens findet das richtige Familienleben nur in den Abendstunden statt. Die Zeit, die die Eltern für die Kinder aufwenden, sollte intensiv genutzt werden und nicht einfach gemeinsam vor dem Fernseher. Es kommt auf die Qualität der Zeit an, die die Eltern gemeinsam mit den Kindern verbringen - nicht auf die Quantität.

Missbrauch

Auch mit dem heiklen Thema Missbrauch beschäftigt sich Friedrich. Etwa in seinem Buch "Kinder ins Leben begleiten - Vorbeugen statt Therapie". In dem Leitfaden zur Erziehung schreibt er über die Wichtigkeit von Zärtlichkeit für Säuglinge und die „13 wichtigen Lebensereignisse“ für Kinder bis hin zu den verschiedenen Möglichkeiten, die Erwachsene ergreifen sollten, um ihre Kinder vor Übergriffen zu schützen. Er empfiehlt vor allem eine frühzeitige altersangepasste Aufklärung, denn: "Je besser ein Kind aufgeklärt wurde und Kenntnis über Sexualität hat, umso besser ist es geschützt", schreibt er.

Vielleicht sollten ja die Erwachsenen einmal damit beginnen, selbst erwachsen zu werden? Vielleicht sollten sie auch darüber reflektieren, wie es auf ein Kind wirkt, wenn die eigenen „Nicht-Tabus“ auf es projiziert werden? Daß Kinder ein anderes Vokabular, eine andere Verletzungs- und auch eine andere Wahrnehmungsschwelle haben, eine „dünnere Haut“, weil ja im Idealfall die Eltern den Schutz zur Außenwelt bilden sollten?

Jedes Kind hat einen Schutzengel. Er sollte aber nicht damit überfordert werden, indem er das Kind auch noch vor der eigenen Familie beschützen muss… das Leben da draußen ist kalt genug.

von Marion Fugléwicz-Bren