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„Meine Mutter sitzt von morgens bis abends im Nachthemd vor dem Computer und plaudert per Tastatur mit ihren Netzbekanntschaften. Sie geht überhaupt nicht mehr aus dem Haus und ist für uns Kinder und unseren Vater nicht ansprechbar“. Dieses E-Mail einer verzweifelten Schülerin beschreibt leider kein Einzelschicksal. Derartige Szenarien werden für immer mehr Erdenbürger zum bitteren Alltag: Das IAS (Internet-Abhängigkeits-Syndrom) ist Experten bereits ein Begriff; eine wachsende Zahl von Menschen bezeichnen sich bereits selbst als „online-süchtig“. Die gefährdeten Personen verbringen nicht selten zehn bis zwanzig Stunden täglich mit Netzaktivitäten; ihr gesamter Alltag bricht zusammen, es gibt keine anderen Interessen mehr. Familie, Freunde, Arbeit - alles ist gefährdet. Hinzu kommen finanzielle und gesundheitliche Belastungen, die manchmal bis an die Grenze des Erträglichen gehen. Erschütternd muten Erfahrungsberichte und Hilferufe von Betroffenen in Online-Selbsthilfegruppen an.

Wenn die Internetnutzung außer Kontrolle gerät, scheint professionelle Hilfe dringend notwendig: Kann doch die - vielfach spannende und hilfreiche - virtuelle Welt ebensogut krank, einsam und depressiv machen. Was übrigens keinesfalls technologieimmanent ist! Oft, so die Expertenmeinung, sind nämlich die sogenannten „Online-Junkies“ generell suchtgefährdet oder labil. Hinter der extremen Nutzung des Netzes stehen zumeist Konflikte, die vorerst mit herkömmlichen Psychotherapie-Methoden gelöst werden sollten.

Unter anderen Selbsthilfe-Organisationen - auch in Deutschland (siehe Kasten) hat die Psychologin Dr. Kimberly Young von der Universität Pittsburgh ein Zentrum für Online-Sucht im World Wide Web eröffnet (http://netaddiction.com). Anders als viele Kollegen glaubt sie daran, daß diese Sucht ein neues klinisches Störungsbild ist, das sich rasant verbreitet. Doch auch ganz andere Auswirkungen kann das Netz haben:


Erste Fälle von Internet-Phobie
Psychiater der University of South Florida haben in der Fachzeitschrift „Southern Medical Journal“ die zwei ersten Fallbeispiele dafür vorgestellt, daß paranoide Wahnvorstellungen durch Angst vor dem Internet ausgelöst werden können. Beschrieben wurde etwa der Fall eines 40jährigen Mannes, der versuchte, sich mit einem Schuß ins Gesicht das Leben zu nehmen. Er war der festen Überzeugung, ein Freund habe ihm „Internet Bugs“ ins Ohr gepflanzt und kontrolliere nun seine Gedanken. Zudem litt er unter der Vorstellung, der Freund habe intime Bilder von ihm und seiner Lebensgefährtin im Internet veröffentlicht. Gleichzeitig fühlte er sich „vernetzt“ und meinte, die Mausklicks anderer Menschen würden seine Gliedmaßen kontrollieren.

Der zweite Patient meinte, er sei ein Webmaster und Zauberer, der auf seiner Site anderen Hexen und Zaubereren Ratschläge erteilt. Gleichzeitig war er überzeugt, auch ohne PC, nur mit Gedankenkraft im Internet surfen zu können.

Beide Patienten hatten nur wenig oder gar keine Erfahrung mit dem Internet. Ihre Wahnvorstellungen waren lediglich durch die Medien und andere Informationsquellen geprägt. Nach Angaben der Wissenschaftler handelt es sich um die ersten publizierten Fälle, bei denen das Internet als Wahnvorstellung beschrieben wird.

Solche Wahnvorstellungen werden häufig durch soziokulturelle und politische Ereignisse geprägt, wobei Ängste eine große Rolle spielen. Das Internet wurde von beiden Patienten aufgrund der Medienberichterstattung als so bedrohlich empfunden, daß es zum Mittelpunkt ihres Denkens wurde. Die Wissenschaftler befürchten, daß zunehmend Menschen mit psychotischer Neigung solche Wahnvorstellungen aufbauen werden. Sie erwägen daher, für solche Erscheinungen ein eigenes Klassifikationsschema vorzuschlagen.


Informationsflut führt zum Verlust der Orientierung
Auch beim regelmässig stattfindenden Weltkongreß für Psychotherapie (http://www.worldpsyche.org/) wird das Thema Internet aufgegriffen. „Die multimediale Kommunikation“, so der Therapeut Dr. Alfred Pritz, Organisator des Kongresses und Präsident des Weltverbandes für Psychotherapie, „verändert unseren Alltag und unser Leben total. Theoretisch ist das gesamte Wissen der Welt durch einen Mausklick abrufbar. Die faszinierenden und beinahe grenzenlosen Möglichkeiten der Informationsbeschaffung durch Technologien wie das Internet, gebären allerdings auch neue Unsicherheiten: Ist die Information real oder vielmehr künstlich, virtuell? Und dasselbe gilt für meinen Kommunikationspartner im Netz - ist er Mensch, Maschine oder eine Kombination aus beidem? Durch die Anonymität im World Wide Web wissen wir vielfach nicht, mit wem wir kommunizieren. Auch geht der persönliche, soziale Kontakt oft verloren. Und der natürliche Prozeß der Auswahl relevanter Information fällt uns zusehends schwerer. In weiterer Folge könnte das unser bisheriges Wertesystem komplett über den Haufen werfen“.

Eine weitere drohende Gefahr für die Zukunft, so Pritz, bergen die neuen Arbeitsbedingungen: Der „flexible Berufsmensch von morgen“ arbeitet in den verschiedensten Jobs, die nicht notwendigerweise zusammenhängen. Werte wie die persönliche Selbsteinschätzung oder auch der Wert einer Arbeitskraft werden sich nicht mehr über die berufliche Tätigkeit definieren lassen, sondern müssen durch andere Stabilitäts-Faktoren kreiiert werden - aber welche? Wie wird sich die neue, flexible und unbeständige Arbeitswelt auf das Sicherheitsempfinden unserer Kinder und Kindeskinder auswirken?

Unsere zunehmend komplexer werdende Welt begünstigt Ängste, Depressionen und Orientierungslosigkeit in erschreckender Weise. Die Suche nach der Identität wird im nächsten Jahrtausend eine zentrale Rolle spielen, meint der Experte. Er sieht vor allem in diesen, aber auch anderen neuartigen Konfliktsituationen - wie etwa der Genforschung; der zunehmenden Gewalt, die (auch) aus Vereinsamung entsteht; oder der neuen, veränderten Mann-Frau-Beziehung - große Herausforderungen für die Psychotherapie der Zukunft: Ihre Aufgabe wird es sein, „dem Einzelnen zur Seite zu stehen, ihm den Weg zu weisen und seine Grenzen gegenüber der Öffentlichkeit zu verteidigen“.


Weiterführende Links zum Thema:


Aus medizinischer Sicht…

Internetsucht

Suchtgift für Junkies!

str/aurum